Rase, rase gegen das sterbende Licht

Dore

Dylan Thomas‘ Gedicht „Do not go gentle into that good Night“ mag mir in letzter Zeit einfach nicht aus dem Kopf gehen. Diese regelmäßig wiederkehrende Zeile, „Rage, rage against the dying of the light“, hängt in meinem Kopf fest, wie ein morbides Mantra. Curt Meyer-Clason hat eine sehr gelehrte Übersetzung dieses Gedichtes besorgt, die Thomas‘ Bilder elegant in schwere, deutsche Wortbilder überführt. Mit „geh nicht gelassen in die gute Nacht“ hat er den Titel und die erste Zeile sehr schön übersetzt, doch um dann darauf reimen zu können, wurde das „Rage, rage“ bei ihm „im Sterbelicht sei doppelt zornentfacht.“ Damit mag der Inhalt der Originalzeile gut gerettet sein, doch die Kraft scheint mir verloren. Ich habe mal eine eigene Übersetzung versucht, in der ich die Eingangszeile vielleicht etwas frei und unelegant übersetzt haben mag, um dafür die Raserei am Ende retten zu können. Ich bin mir bewusst, dass die von der Bedeutung her korrekte Übersetzung „wüten“ lauten sollte, aber das „rasen“ klingt deutlich stärker und ist ja durchaus bedeutungsnah.

Überhaupt ist Lyrikübersetzung ein spannendes Feld, denn irgendwas muss beim Sprachwechsel wohl immer geopfert werden. Wie Meyer-Clason habe ich mich entschieden, das Reimschema zu behalten und es dafür in Kauf zu nehmen, auf inhaltlicher Ebene einige Zeilen nur sehr frei zu übertragen. Während Meyer-Clason es aber schafft, seinen Jambus tapfer durchzuhalten, hielt ich einen Trochäus für passender, den ich aber ausgerechnet in den beiden wiederkehrenden Zeilen nicht durchgehalten habe. Allerdings ist ja gerade Dylan Thomas auch für seine freien Verse bekannt, bei denen er eben auch keine strengen Rhythmen durchzieht. Was denkt ihr? Ist die Sprache zu holprig? Das Gedicht mehr Yoda ist als Deutsch?

In diese gute Nacht, schlendere nicht.
Brennend soll das Alter büßen;
Rase, rase gegen das sterbende Licht.

Der Weisen Worte ohne Sicht,
Woll’n das Dunkle hell begrüßen,
In diese gute Nacht, schlendere nicht.

Die Letzte Welle guter Männer bricht,
deren Taten tanzten zart,
Rase, rase gegen das sterbende Licht.

Die Wilden flohen der Pflicht,
lernten spät und litten hart,
in diese gute Nacht, schlendere nicht.

Todesnah mit schwindender Sicht,
doch die blinden Augen strahlen froh,
Rase, rase gegen das sterbende Licht.

Und meines Vaters trauriges Gesicht,
Flucht und segnet mich mit Tränen so,
In diese gute Nacht, schlendere nicht.
Rase, rase gegen das sterbende Licht.

Auswärtsspiele

AvP UtopiaHier ist im Moment ja ein bisschen Funkstille. Ich bin in erster Linie mit Lohn- und Magisterarbeit beschäftigt, aber hier und da komme ich dann doch noch dazu, was zu schreiben.

Der liebe fubai startet grade sein Blog über Videospiele und Philosophie. Als Willkommensgeschenk im glamourösen Bloggerleben hat er von mir einen Text über Aliens vs Predator und utopisches Denken bekommen, für den ich auch die lustige Collage da oben gemacht hatte.

Die Grüne Jugend RLP hatte mich gebeten, etwas über diese ganze Snowden-Geschichte zu schreiben. Das habe ich natürlich gern getan und dabei mal so gesammelt, was da jetzt alles schief lief und wie es besser weitergehen könnte. Ich bin ganz zufrieden mit dem Text, weil er meinen Idealvorstellungen eines linken, materialistischen Realpolitik-Ansatzes recht nahe kommt.

German Angst

Fear_of_a_Black_Planet

Politik ist in diesen Tagen wohl in erster Linie ein Geschäft für Psychologen, ja am besten direkt für Therapeuten. Denn während CDU-Innenminister DeMaizière überzeugt ist, man müsse die Ängste der islamfeindlichen PEGIDA-Demonstrant*innen ernst nehmen, appeliert SPD-Freizeit-Außenpolitiker Matthias Platzeck, man solle doch bitte die Einkreisungsängste von Putin ernst nehmen. Bei DeMaizière wissen wir noch nicht so ganz was das bedeutet. Will er für die CDU nur ein paar Stimmen vom rechten Rand sichern oder wird da tatsächlich der nächste Asylkompromiss rhetorisch vorbereitet. Bei Platzeck dagegen wissen wir, dass „Putins Ängste ernst nehmen“ für ihn bedeutet „Putins Forderungen erfüllen“, denn im selben Zug sprach er sich dafür aus, die Annexion der Krim doch einfach anzuerkennen.

Ein englisches Sprichwort sagt, Angst sei ein schlechter Ratgeber. Anläßlich der rassistischen Polizeigewalt in Ferguson diskutiert die amerikanische Öffentlichkeit grade auch ziemlich viel über Angst und Politik. Dort wird medial versucht, Ängste gegeneinander auszuspielen oder abzuwägen. Auf der einen Seite stehen die Ängste von Afroamerikaner*innen vor einem wildgewordenen Polizeistaat, auf der anderen Seite die Ängste eines weißen Bürgertums, welches Mord unter bestimmten Umständen okay zu finden scheint, wenn das Opfer möglichst „menacing“ und „thugish“ aussah. Mir ist im Moment vollkommen unklar, was diese Rhetorik bedeuten soll, aber mir macht das alles irgendwie….nun ja….Angst.

Was sind die Konsequenzen des Ernst nehmens von Ängsten im politischen Kontext? Werde ich eigentlich noch Ernst genommen, wenn ich grad keine Ängste habe? Was ist mit den Ängsten der Ukrainer*innen vor einer russischen Invasion? Oder den Ängsten von Muslim*innen vor dem fremdenfeindlichen Mob? Wenn man diese Ängste auch alle Ernst nimmt, nimmt man dann überhaupt noch was Ernst?

Ferguson, Journalismus und Social Media

Dieses Video der New York Times zeigt nicht nur die Verzweiflung der Menschen, nachdem die Staatsanwaltschaft entschieden hatte, den Polizisten Darren Wilson wegen des Mordes an Michael Brown nicht einmal anzuklagen und damit den üblichen Weg der Wahrheitsfindung in einem Rechtsstaat wenigstens zu beginnen, es ist auch ein spannendes Beispiel, wie Journalisten Social Media Inhalte nutzen können, um ihre Geschichten zu erzählen. Die emotionale Wirkung solcher Berichterstattung wird durch die, zumindest gefühlte, Authentizität der Filmchen extrem gesteigert.

Wie Feindbildpflege den Feinden hilft

Harry_R._Hopps,_Destroy_this_mad_brute_Enlist_-_U.S._Army,_03216u_editIch habe heute Morgen beim Frühstück ein interessantes Interview mit dem Philosophieprofessor Randal Marlin gehört. Im „New Books in Journalism“-Podcast stellte er die zweite Auflage seines Buches „Propaganda and the Ethics of Persuasion“ vor. Dabei berichtete er von einer Entwicklung aus der Geschichte der Propaganda, die mir in der aktuellen, aufgeheizten, weltpolitischen Lage bedenkenswert erscheint.

Denn Randal Marlin vermutet, ein Grund, warum die amerikanische Öffentlichkeit so lange gezögert habe, sich dem Kampf gegen Nazideutschland anzuschließen, liege in den Erfahrungen der US-Bürger*innen mit antideutscher Propaganda im ersten Weltkrieg. Weiterlesen

Höher, Schneller, Weiter – Marx auf Speed

Ein Gespenst geht um in den Gazetten und Feuilletons. Aus den Kunsthochschulen und dem Internet, munkeln Eingeweihte, beginne die nächste große Erneuerung des Marxismus. Ein kleiner Kreis von Denkern und Philosophen unterschiedlichster Coleur ist auf dem Weg, je nach dem, wen man fragt, progressive Theorie für das 21. Jahrhundert neu zu denken oder linke Überzeugungen auf dem Altar des Turbokapitalismusses zu opfern. Es geht um den Akzelerationismus.

Akzel 2 KopieDer Berliner Merve-Verlag hat sich dem Thema schnell angenommen und mittlerweile schon zwei kleine Textsammlungen zum Thema veröffentlicht. Das erste Büchlein hat mich in den vergangenen Wochen auf meinen Bahnfahrten überfordert, beschäftigt und unterhalten. Ohne Anspruch auf vollständiges Verstehen der Texte anmelden zu wollen, hier meine kleine Einführung zum Thema: Weiterlesen

Für alle schreiben

symbol

Sitzen zwei Homosexuelle im Flugzeug. Sagt die eine zum anderen: „Die haben jetzt bestimmt an zwei schwule Männer gedacht.“

Na, auch erwischt? Die meißten, denen ich diesen kurzen Text zeige, kommen bei „die eine“ kurz ins Stocken und blicken hinterher schuldbewusst. Diese kleine Geschichte verdeutlicht ein Problem, welches unsere Sprache allgemein hat Weiterlesen