Grüne Europapolitik – jetzt bitte raus aus Merkels Windschatten

Europa

Ich bin einst zu den Grünen gegangen, weil sie für mich die Europapartei gewesen sind. Ich war ein großer Fan von Jan Albrechts, Ska Kellers und Sven Giegolds Arbeit im Europaparlament. Überhaupt schien mir die grüne Ökopolitik ideal dazu geeignet, die engen Nationalstaaten des 20. Jahrhunderts aufzubrechen. Bei Tschernobyl mussten wir lernen, dass eine saure Wolke nicht vor Grenzen halt macht, auch nicht vor eisernen Vorhängen und um unsern Rhein oder meine geliebte Ostsee wieder sauber zu bekommen, da muss sich halb Europa anstrengen.

Doch seit Beginn der Krise hat sich meine Meinung zu grüner Europapolitik deutlich gewandelt. Jetzt ist Europa ein schwieriges Thema geworden, eines, für das man kämpfen müsste, wenn man es wirklich wollte. Die deutschen Grünen scheinen es nicht mehr so wirklich zu wollen. Gegen die Empfehlung der eigenen Europafraktion sagte der grüne Länderrat 2012 Ja zu Fiskalpakt und Spardiktat und folgte damit Merkels Europapolitik. Schon damals hatten wir in der Grünen Jugend darauf hingewiesen, dass dies ein großer Fehler sei. Dass diese Rettung keine Rettung wird. Drei Jahre später müssen wir sehen: wir haben (leider) Recht gehabt. Nach drei Jahren Rettung steht Griechenland schlechter da als vorher.

Als die Griechen Tsipras zu ihrem Regierungschef wählten, da haben sich auch viele Grüne hierzulande gefreut, denn die griechischen Grünen gehören zu Syrizas linkem Anti-Austeritätsbündnis. Als diese Regierung nun den mutigen Schritt wagte, in einer schwierigen Situation ihr Volk zu befragen, war die Solidarität deutscher Grüner für ihre griechischen Kollegen schon wieder weg. „Oxi – Nein“ forderte Tsipras, „Nai – Ja“ ließen die deutschen Grünen in der griechischen Zeitung Kathimerini drucken. Wie so oft in der Außenpolitik sind deutsche Grüne eben erst Deutsch und dann Grün. Ich war schockiert, ohne große innerparteiliche Abstimmung bekannten linke und rechte Grüne einmütig: Solidarisch sind wir so oder so, aber eine Alternative zur Austeritätspolitik haben wir nicht. Es ist kein Wunder, dass ich beim Autofahren an diesem Abend in keinem Radiobericht ein Wort über die grüne Position zum Thema hören durfte, die Grünen sind in Merkels Windschatten abgetaucht. Doch ohne Sichtbarkeit gibt es weder Links noch Rechts Stimmen zu gewinnen.

Auch ich hätte mich nicht getraut, den Griechen zum Oxi zu raten, zu unüberschaubar scheinen mir auch jetzt noch die möglichen Konsequenzen. Ein Staatsbankrott außerhalb der EU ist sicher nicht schöner als einer innerhalb der EU, da träumen sich viele Linke die Welt zurecht. Aber dass gerade die junge Generation Griechen, die Europäer von Morgen, nicht mehr Ja sagen würde, war doch klar. Jeder zweite junge Mensch in Griechenland ist nun schon seit mehreren Jahren arbeitslos in einem Land ohne Sozialhilfe und Arbeitslosengeld. Wie soll sich so ein Mensch für Europa begeistern? Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral wusste schon Brecht. Erst müssen die Menschen eine Grundlage zum Leben haben, dann können wir über große Ideen reden. Dank Oxi wird der Fokus nun hoffentlich wieder auf die griechische Bevölkerung rücken, um die Europa ernsthaft werben muss. Der nahe Osten zerbricht nach der anfangs noch erfreulichen Arabellion zunehmend unter dem Terror des IS, Griechenland ist die europäische Grenze zur Welt des politischen Islam. Es wäre geopolitisch Wahnsinn, diese Griechen aushungern zu lassen und in die Arme der Russen zu treiben.

Die Grünen müssen das Oxi als Watsche begreifen. Die Hilfe, für die Deutschland, Merkel und auch die Grünen stehen, die wollen die Griechen nicht mehr. Dafür riskieren sie lieber den Grexit. Eigentlich haben sie damit recht, ist doch Griechenland nicht nur der große Verlierer seiner eigenen Rettung, gleichzeitig saniert Deutschland auch noch seine eigenen Finanzen auf Kosten des südlichen Europas, weil es so günstig Geld am Weltmarkt bekommt, wie nie zuvor. Schäubles schwarze Null kommt nicht aus Süddeutschland, sondern aus Südeuropa. „Deutschland du mieses Stück Scheiße“ stand auf dem Fronttransparent der großen Oxi-Demo, nein nicht in Athen, sondern in Berlin. Das sind drastische Worte, drastisch aber klar. So darf es nicht weitergehen. Die Bundesregierung und Bild verkaufen diese Eurorettung als großes Zugeständnis und machen dabei große Gewinne, das ist widerlich, das ist ekelig und das ist wirklich, wirklich nicht Grün. Hoffe ich. Sonst bin ich nicht mehr lange Grün.

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Rase, rase gegen das sterbende Licht

Dore

Dylan Thomas‘ Gedicht „Do not go gentle into that good Night“ mag mir in letzter Zeit einfach nicht aus dem Kopf gehen. Diese regelmäßig wiederkehrende Zeile, „Rage, rage against the dying of the light“, hängt in meinem Kopf fest, wie ein morbides Mantra. Curt Meyer-Clason hat eine sehr gelehrte Übersetzung dieses Gedichtes besorgt, die Thomas‘ Bilder elegant in schwere, deutsche Wortbilder überführt. Mit „geh nicht gelassen in die gute Nacht“ hat er den Titel und die erste Zeile sehr schön übersetzt, doch um dann darauf reimen zu können, wurde das „Rage, rage“ bei ihm „im Sterbelicht sei doppelt zornentfacht.“ Damit mag der Inhalt der Originalzeile gut gerettet sein, doch die Kraft scheint mir verloren. Ich habe mal eine eigene Übersetzung versucht, in der ich die Eingangszeile vielleicht etwas frei und unelegant übersetzt haben mag, um dafür die Raserei am Ende retten zu können. Ich bin mir bewusst, dass die von der Bedeutung her korrekte Übersetzung „wüten“ lauten sollte, aber das „rasen“ klingt deutlich stärker und ist ja durchaus bedeutungsnah.

Überhaupt ist Lyrikübersetzung ein spannendes Feld, denn irgendwas muss beim Sprachwechsel wohl immer geopfert werden. Wie Meyer-Clason habe ich mich entschieden, das Reimschema zu behalten und es dafür in Kauf zu nehmen, auf inhaltlicher Ebene einige Zeilen nur sehr frei zu übertragen. Während Meyer-Clason es aber schafft, seinen Jambus tapfer durchzuhalten, hielt ich einen Trochäus für passender, den ich aber ausgerechnet in den beiden wiederkehrenden Zeilen nicht durchgehalten habe. Allerdings ist ja gerade Dylan Thomas auch für seine freien Verse bekannt, bei denen er eben auch keine strengen Rhythmen durchzieht. Was denkt ihr? Ist die Sprache zu holprig? Das Gedicht mehr Yoda ist als Deutsch?

In diese gute Nacht, schlendere nicht.
Brennend soll das Alter büßen;
Rase, rase gegen das sterbende Licht.

Der Weisen Worte ohne Sicht,
Woll’n das Dunkle hell begrüßen,
In diese gute Nacht, schlendere nicht.

Die Letzte Welle guter Männer bricht,
deren Taten tanzten zart,
Rase, rase gegen das sterbende Licht.

Die Wilden flohen der Pflicht,
lernten spät und litten hart,
in diese gute Nacht, schlendere nicht.

Todesnah mit schwindender Sicht,
doch die blinden Augen strahlen froh,
Rase, rase gegen das sterbende Licht.

Und meines Vaters trauriges Gesicht,
Flucht und segnet mich mit Tränen so,
In diese gute Nacht, schlendere nicht.
Rase, rase gegen das sterbende Licht.

Auswärtsspiele

AvP UtopiaHier ist im Moment ja ein bisschen Funkstille. Ich bin in erster Linie mit Lohn- und Magisterarbeit beschäftigt, aber hier und da komme ich dann doch noch dazu, was zu schreiben.

Der liebe fubai startet grade sein Blog über Videospiele und Philosophie. Als Willkommensgeschenk im glamourösen Bloggerleben hat er von mir einen Text über Aliens vs Predator und utopisches Denken bekommen, für den ich auch die lustige Collage da oben gemacht hatte.

Die Grüne Jugend RLP hatte mich gebeten, etwas über diese ganze Snowden-Geschichte zu schreiben. Das habe ich natürlich gern getan und dabei mal so gesammelt, was da jetzt alles schief lief und wie es besser weitergehen könnte. Ich bin ganz zufrieden mit dem Text, weil er meinen Idealvorstellungen eines linken, materialistischen Realpolitik-Ansatzes recht nahe kommt.

German Angst

Fear_of_a_Black_Planet

Politik ist in diesen Tagen wohl in erster Linie ein Geschäft für Psychologen, ja am besten direkt für Therapeuten. Denn während CDU-Innenminister DeMaizière überzeugt ist, man müsse die Ängste der islamfeindlichen PEGIDA-Demonstrant*innen ernst nehmen, appeliert SPD-Freizeit-Außenpolitiker Matthias Platzeck, man solle doch bitte die Einkreisungsängste von Putin ernst nehmen. Bei DeMaizière wissen wir noch nicht so ganz was das bedeutet. Will er für die CDU nur ein paar Stimmen vom rechten Rand sichern oder wird da tatsächlich der nächste Asylkompromiss rhetorisch vorbereitet. Bei Platzeck dagegen wissen wir, dass „Putins Ängste ernst nehmen“ für ihn bedeutet „Putins Forderungen erfüllen“, denn im selben Zug sprach er sich dafür aus, die Annexion der Krim doch einfach anzuerkennen.

Ein englisches Sprichwort sagt, Angst sei ein schlechter Ratgeber. Anläßlich der rassistischen Polizeigewalt in Ferguson diskutiert die amerikanische Öffentlichkeit grade auch ziemlich viel über Angst und Politik. Dort wird medial versucht, Ängste gegeneinander auszuspielen oder abzuwägen. Auf der einen Seite stehen die Ängste von Afroamerikaner*innen vor einem wildgewordenen Polizeistaat, auf der anderen Seite die Ängste eines weißen Bürgertums, welches Mord unter bestimmten Umständen okay zu finden scheint, wenn das Opfer möglichst „menacing“ und „thugish“ aussah. Mir ist im Moment vollkommen unklar, was diese Rhetorik bedeuten soll, aber mir macht das alles irgendwie….nun ja….Angst.

Was sind die Konsequenzen des Ernst nehmens von Ängsten im politischen Kontext? Werde ich eigentlich noch Ernst genommen, wenn ich grad keine Ängste habe? Was ist mit den Ängsten der Ukrainer*innen vor einer russischen Invasion? Oder den Ängsten von Muslim*innen vor dem fremdenfeindlichen Mob? Wenn man diese Ängste auch alle Ernst nimmt, nimmt man dann überhaupt noch was Ernst?

Ferguson, Journalismus und Social Media

Dieses Video der New York Times zeigt nicht nur die Verzweiflung der Menschen, nachdem die Staatsanwaltschaft entschieden hatte, den Polizisten Darren Wilson wegen des Mordes an Michael Brown nicht einmal anzuklagen und damit den üblichen Weg der Wahrheitsfindung in einem Rechtsstaat wenigstens zu beginnen, es ist auch ein spannendes Beispiel, wie Journalisten Social Media Inhalte nutzen können, um ihre Geschichten zu erzählen. Die emotionale Wirkung solcher Berichterstattung wird durch die, zumindest gefühlte, Authentizität der Filmchen extrem gesteigert.

Wie Feindbildpflege den Feinden hilft

Harry_R._Hopps,_Destroy_this_mad_brute_Enlist_-_U.S._Army,_03216u_editIch habe heute Morgen beim Frühstück ein interessantes Interview mit dem Philosophieprofessor Randal Marlin gehört. Im „New Books in Journalism“-Podcast stellte er die zweite Auflage seines Buches „Propaganda and the Ethics of Persuasion“ vor. Dabei berichtete er von einer Entwicklung aus der Geschichte der Propaganda, die mir in der aktuellen, aufgeheizten, weltpolitischen Lage bedenkenswert erscheint.

Denn Randal Marlin vermutet, ein Grund, warum die amerikanische Öffentlichkeit so lange gezögert habe, sich dem Kampf gegen Nazideutschland anzuschließen, liege in den Erfahrungen der US-Bürger*innen mit antideutscher Propaganda im ersten Weltkrieg. Weiterlesen

Höher, Schneller, Weiter – Marx auf Speed

Ein Gespenst geht um in den Gazetten und Feuilletons. Aus den Kunsthochschulen und dem Internet, munkeln Eingeweihte, beginne die nächste große Erneuerung des Marxismus. Ein kleiner Kreis von Denkern und Philosophen unterschiedlichster Coleur ist auf dem Weg, je nach dem, wen man fragt, progressive Theorie für das 21. Jahrhundert neu zu denken oder linke Überzeugungen auf dem Altar des Turbokapitalismusses zu opfern. Es geht um den Akzelerationismus.

Akzel 2 KopieDer Berliner Merve-Verlag hat sich dem Thema schnell angenommen und mittlerweile schon zwei kleine Textsammlungen zum Thema veröffentlicht. Das erste Büchlein hat mich in den vergangenen Wochen auf meinen Bahnfahrten überfordert, beschäftigt und unterhalten. Ohne Anspruch auf vollständiges Verstehen der Texte anmelden zu wollen, hier meine kleine Einführung zum Thema: Weiterlesen